Aufruf

Wien nimmt Platz – Keinen Meter den neofaschistischen „Identitären“!

Warum wir uns dem neofaschistischen Aufmarsch in den Weg setzen werden und gleichzeitig die Verhältnisse zum Wanken bringen müssen.

Am 25.07.2026 wollen die neofaschistischen „Identitären“ wieder einmal einen Aufmarsch durch Wien abhalten. Damit knüpfen sie an eine gesellschaftliche Entwicklung an, die durch die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien und eine zunehmende Akzeptanz ihrer Positionen in der Mitte der Gesellschaft geprägt ist. Wir werden den Aufmarsch der „Identitären“ verhindern. Wir rufen zu massenhaften Blockaden auf, um den Aufmarsch zum Desaster zu machen.

Wien wird seit Jahren regelmäßig zum Schauplatz für die „Sommerdemonstrationen“ der neofaschistischen „Identitären“, die ein rassistisches und völkisches Weltbild propagieren, nach dem die globale Gesellschaft geordnet werden soll. Ob unter dem Schlagwort der „Remigration“ oder dem Narrativ des „Großen Austauschs“ – das Ziel bleibt die Forderung nach einer gesellschaftlichen Rechtsverschiebung sowie dem Ausschluss und der Vertreibung all jener, die nicht in ihr engstirniges Weltbild der Dirndl- und Lederhosenträger:innen passen. 

Den Neofaschist:innen geht es weiterhin darum, Propaganda für ihre menschenverachtenden Ideen zu betreiben und die Straße für sich in Anspruch zu nehmen. Tatkräftig unterstützt werden sie dabei von rechtsextremen bis neonazistischen Gruppen aus dem benachbarten Deutschland, Italien, der Schweiz und anderen Ländern. Diese Gruppierungen sind dabei kein isoliertes Phänomen, sondern agieren als aktivistischer Arm einer breiteren autoritären Formierung der Gesellschaft, die massive Unterstützung durch rechtsextreme Parteien wie die FPÖ erfährt. Dabei geht es ihnen nicht nur um parlamentarische Erfolge, sondern um eine tiefgreifende Verschiebung nach rechts in allen gesellschaftlichen Bereichen. 

Parallel dazu ist eine gesellschaftliche Rechtsverschiebung global zu erkennen, weltweit sind reaktionäre Antworten auf globale Krisen im Vormarsch. Im Supermarkt der reaktionären Ideologien gibt es verschiedene Angebote wie Islamismus, Nationalismus oder eben Rechtsextremismus, die miteinander konkurrieren. Doch diese sich angeblich so feindlich gegenüberstehenden Ideologien sind sich näher, als sie es von sich selbst glauben möchten. Es geht um die autoritäre Befriedung gesellschaftlicher Widersprüche und um den Ausschluss derer, die nicht zum repressiven Kollektiv dazugezählt werden.

Der autoritären Formierung entgegentreten!

Wie tief die Normalisierung rechtsextremer Ideologien bereits in das gesellschaftliche Gefüge eingedrungen ist, zeigt sich nicht allein an der Übernahme der neofaschistischen Rhetorik bis hinein in das Parlament und durch vermeintlich demokratische oder zentristische Kräfte. Die FPÖ ist seit Jahren die stärkste parlamentarische Kraft und pflegt eine ganz bewusste ideologische Nähe zu neofaschistischen Akteuren. Diese Nähe ist historisch tief verwurzelt, entsprang die Partei doch dem „Verband der Unabhängigen“ (VdU), der nach der Niederschlagung von Nazideutschland 1945 als Sammelbecken für ehemalige Nationalsozialist:innen in Österreich diente. Die „Identitären“ lassen sich heute als der aktivistische Arm der FPÖ begreifen, da beide Gruppen ideologisch wie teilweise personell nahezu deckungsgleich agieren.

Diese engen Verflechtungen sind der sichtbare Ausdruck einer umfassenden autoritären Formierung der Gesellschaft, dabei hat die extreme Rechte auf institutioneller Ebenderene ein Heimspiel. Angesichts der multiplen Krisen des Kapitalismus erleben autoritäre Antworten eine Hochkonjunktur, die sich in einer sukzessiven Verschärfung des Asylrechts und dem brutalen Ausbau der „Festung Europa“ manifestiert mit gleichzeitiger Erweiterung von repressiven Elementen im sozialstaatlichen Sicherungssystem, um gesellschaftliche Widersprüche autoritär zu befrieden. Dieser Prozess wird von einem rassistischen Sicherheitsdiskurs begleitet, der soziale Verwerfungen kulturalisiert, vermeintliche Differenzen als unveränderbar zementiert und staatliche Repression als einzige Antwort zulässt. Indes vollzieht sich ein massiver Anstieg des Antisemitismus, der als wahnhaftes Welterklärungsmodell quer durch alle politischen Lager fungiert. Zudem versuchen antifeministische und rassistische Ideologien, gesellschaftliche Teilhabe in Zeiten verschärfter Konkurrenz über konstruierte „natürliche Identitäten“ zu verhandeln, was zwangsläufig in den systematischen Ausschluss und Gewalt gegen jene mündet, die als „die Anderen“ markiert werden. 

Für eine emanzipatorische Linke sind dies düstere Aussichten. Doch gerade angesichts der wachsenden Handlungsspielräume rechtsextremer Kräfte und der oft lähmenden Ohnmacht ist es unerlässlich, weder die Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft preiszugeben noch sich auf vereinfachte Weltbilder einzulassen. Es bedarf einer gesellschaftlichen Linken, die jeder reaktionären Strömung entschlossen entgegentritt und gleichzeitig eine reale Perspektive jenseits der organisierten Traurigkeit des Kapitalismus entwirft. Denn die bestehenden Verhältnisse sind bereits in ihrem Kern unerträglich, dass sie auch ohne die Bedrohung durch Nazis Grund genug bieten, um in eine organisierte Rebellion überzugehen.

Für eine Perspektive jenseits von Staat, Patriarchat und Kapital

Antifaschismus bleibt notwendig, weil die Verlierer:innen des Kapitalismus nicht zwingend ein Interesse an dessen Überwindung haben. Das Erstarken rechtsextremer Denkmuster verdeutlicht dies eindringlich: Die organisierte extreme Rechte fungiert hierbei als Resonanzraum für reaktionäre Ideologien, die bereits tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Antifaschismus darf nicht bei der Symptombekämpfung stehen bleiben. Rassismus und Antisemitismus sind keine zufälligen Erscheinungen, sondern gesellschaftlich notwendige Verhältnisse, die unmittelbar aus der ökonomischen Konstitution der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft hervorgehen. Ein rein moralisierender Fokus auf den Rassismus – etwa auf das Sterben im Mittelmeer als die sichtbarste Grausamkeit dieses Systems – läuft Gefahr, den unzumutbaren Gesamtzusammenhang zu externalisieren. Antifaschismus lauft Gefahr, zur bloßen Selbstgerechtigkeit zu werden, wenn er ignoriert, dass innerhalb der aktuellen gesellschaftlichen Zwänge niemand ein wirklich freies oder selbstbestimmtes Leben führen kann. 

Mittels Rassismus kann sich die:der Einzelne vor der Einsicht der eigenen Überflüssigkeit und Austauschbarkeit in der Gesellschaft schützen, in der man gezwungen ist sich selbst und damit seine Arbeitskraft zu verkaufen um zu überleben. Deren Produktionsordnung den Zweck verfolgt die rastlosen Vermehrung von Tauschwerten zu forcieren. Die eigene Identität der Subjekte konstituiert sich in diesem gesellschaftlichen Widerspruch. Durch Abgrenzung zum Geflüchteten soll die Angst vor der eigenen Niederlage in der kapitalistischen Konkurrenz abgespalten werden. Die Zugehörigkeit zum eigenen Stammesverband, wahlweise zum Volk oder Nation deklariert, liefert zusätzlich einen Halt für die krisenhafte Identität des bürgerlichen Subjektes. 

Diese Identität basiert maßgeblich auf die Abwehr: Einerseits gegen das vermeintlich Schwache und Unterlegene, auf welche die eigene Niederlage in der kapitalistischen Konkurrenz projiziert wird, und andererseits gegen das vermeintlich Übermenschliche, als Verkörperung des Abstrakten und Unverstandenen. Wenn die eigne Identität unter dem Druck globaler und lokaler Krisen verteidigt werden soll, ist menschenfeindliche Gewalt die logische Konsequenz.

Wer daher eine nachhaltige Überwindung von Rassismus und Antisemitismus anstrebt, muss anerkennen, dass dies nicht ohne die Abschaffung der herrschenden Produktionsweise möglich ist.  Der notwendige erste Schritt besteht darin, Rassismus und Antisemitismus als Ideologien zu begreifen, welche die bestehenden Verhältnisse nicht nur repräsentieren, sondern in ihnen permanent reproduziert werden. Den bestehenden Verhältnissen mit seinen menschenfeindlichen Zumutungen ist weder mit Bildung noch durch Appelle an die Menschlichkeit beizukommen; sie erfordert stattdessen eine radikale Kritik der Gesellschaft und deren Umgestaltung.

Obwohl punktuelle antifaschistische Interventionen ihre volle Berechtigung haben, läuft diese Praxis Gefahr in einem frustrierenden Hamsterrad des Antifaschismus zu enden. Es sollte Antifaschist:innen darum gehen zu hinterfragen und zu begreifen, weshalb diese Gesellschaft trotz eskalierender Katastrophen wie Kriegen, Ausbeutung und Klimawandel nicht auf ihre Überwindung zusteuert, sondern sich permanent selbst reproduziert. Dies erfordert eine praktische Kritik an Staat, Patriarchat und Kapital, also eine unversöhnliche Gesellschaftskritik, an deren erster Stelle sich ein Begriff von den herrschenden Verhältnissen gemacht werden muss. Doch theoretische Einsicht allein bleibt wirkungslos, wenn sie nicht in organisierte Zusammenschlüsse mündet. 

Auch wenn die Zeiten zweifellos härter werden und sich die Krisen weiter zuspitzen, bietet gerade die Kritik der Verhältnisse eine Möglichkeit die Hoffnung auf eine befreite Gesellschaft lebendig zu halten. Der Zustand der Gesellschaft ist nicht alternativlos: Diese ist von Menschen gemacht und durch sie auch veränderbar. Und ein gutes Leben für alle ist schon längst möglich, denn es ist genug für alle da. Während die extreme Rechte darauf abzielt, die Verhältnisse von Herrschaft und Ausbeutung zu zementieren, streben wir nach nichts Geringerem als einer Gesellschaftsform, in der das Glück des Einzelnen die notwendige Bedingung für das Glück aller darstellt.

Neofaschist:innen wollen durch Wien marschieren. Wir setzen uns dem entgegen! Wir rufen zu massenhaften Blockaden auf. Lassen wir den Aufmarsch der Neofaschist:innen zum Desaster werden. Wien nimmt Platz!